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    <titleStmt>
        <title>Tartarin in Paris</title>
        <author>
            <persName>Franz Held</persName>
        </author>
        <editor>
            <persName>Wolfram Schneider-Lastin</persName>
        </editor>
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            <persName>Thomas Bernhart</persName><resp>Konvertierung nach TEI P5</resp>
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    </titleStmt>
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<date when="2012-05-31">31. Mai 2012</date>
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<sourceDesc><p>Beschreibung der Quelle</p></sourceDesc>
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    <p>
        <list>
            <item>Seiten bzw. Zeilen werden nicht umgesetzt.</item>
            <item>Rechtschreibung und Interpunktion werden dem modernen Sprachgebrauch angepasst.</item>
            <item>Scharfes s wird übernommen.</item>
            <item>Unterscheidung zwischen I und J wird eingeführt.</item>
            <item>„in’s“/„an’s“ wird ohne Apostroph geschrieben: „ins“/„ans“.</item>
            <item>Schlussstriche (“) neu statt nach vor dem Punkt.</item>
            <item>Initialen werden nicht dargestellt.</item>
            <item>Gross-/Kleinschreibung wird an moderne Rechtschreibung angepasst.</item>
            <item>Trennungen werden weggelassen</item>
            <item>Sperrungen werden übernommen, da sie bedeutungstragend sind.</item>
            <item>Die Darstellungen in Antiqua werden übernommen. Von Fraktur-Antiqua auf Antiqua-Seriphe.</item>
            <item>Deutsche Anführungszeichen, aber übernommen.</item>
            <item>Paragraphen- und Abschnittseinteilung wird übernommen.</item>
            <item>Leerzeilen ebenfalls.</item>
            <item>Zierstriche werden als Leerzeile/Sternchen(*)zentriert/Leerzeile dargestellt.</item>
            <item>Geviertstriche werden immer als halbe Geviertstriche wiedergegeben.</item>
        </list>
    </p>
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<text>
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<div n="1">
<head>I.</head>
<p n="1">Der Sémaphore,<index xml:id="i1" indexName="subjects"><term>Sémaphore</term></index> das gelesenste Blatt Tarascons (es gab kein anderes), hatte
gesprochen: "Ja, unsere Stadt hat ein Anrecht, von dem kühnen Löwentöter und
Alpenersteiger Tartarin eine neue zeitgemäße Tat zu erwarten!"</p>
<p n="2">Das war der Schlusssatz eines Leitartikels über den kürzlich vollendeten
Eiffelturm<index xml:id="i2" indexName="places"><term>Tour Eiffel</term></index>. Konnte die Anspielung deutlicher sein? Alle anderen Tarasconesen,
außer Tartarin, waren durch ihre Gewerbe und Kramläden an der weiten,
kostspieligen Reise verhindert. Nur dem Löwentöter und einzigen Rentier des
Städtchens standen für das waghalsige Unternehmen die nötigen Mittel, der
unerlässliche Heldenmut zur Verfügung.</p>
<p n="3">"Heldenmut?! Hören Sie gefälligst auf! Heldenmut zur Besteigung des
Eiffelturms<index xml:id="i3" indexName="places"><term>Tour Eiffel</term></index>?!"</p>
<p>"Lassen Sie mich, bitte, ausreden! Sie sind mit Ihrer werten Frau Gemahlin
ganz bequem bis zur dritten Etage gefahren, ich weiß. Und Ihre sonst so nervöse
Gattin hat nicht mal über den mindesten Schwindel geklagt. Die Ascenseurs<index xml:id="i4" indexName="subjects"><term>Ascenseur</term></index>
funktionieren so sicher! Aber das ist's ja eben: Der Sémaphore hatte den Bürgern
Tarascons die Existenz von Ascenseurs<index xml:id="i5" indexName="subjects"><term>Ascenseur</term></index> im Eiffelturm<index xml:id="i6" indexName="places"><term>Tour Eiffel</term></index> <s>verschwiegen</s>!</p>
<p n="4">Vielleicht nicht einmal absichtlich verschwiegen. Als der Redakteur den
alarmierenden Artikel schrieb, schien gerade die Sonne des französischen Südens
auf sein Manuskript, diese verflixte, spitzbübische Blutsonne, die alles ins
Unglaubliche vergrößert und bis zur Unkenntlichkeit verdreht, die aus den
Leuten ehrliche Aufschneider, unbewusste Lügner macht. Und der Redakteur sah die
gigantischen, weißen Wolken draußen am herrlich blauen Himmel stehen -
nein! nein! es war unwürdig der französischen Nation, per Ascenseur<index xml:id="i7" indexName="subjects"><term>Ascenseur</term></index> den
Eiffelturm<index xml:id="i8" indexName="places"><term>Tour Eiffel</term></index> zu besteigen! Zu Fuß, allen Gefahren trotzend! Dieser vermaledeite
Ascenseur<index xml:id="i9" indexName="subjects"><term>Ascenseur</term></index> musste überhaupt nur eine böswillige Erfindung eines fremden,
monarchistischen Neidharts<index xml:id="i10" indexName="subjects"><term>Neidhart</term></index> sein!</p>
<p n="5">Und so blieb der Ascenseur<index xml:id="i11" indexName="subjects"><term>Ascenseur</term></index> ganz und gar aus dem Artikel weg, der den
Tarasconesen von dem eisengetürmten Wunderbau des Marsfelds Kunde gab.</p>
<p>Der Sémaphore "hegte die Hoffnung, ja die Zuversicht, dass der wackerste
Mann Tarascons, er, der Algier von ganzen Löwenherden gesäubert, angesichts der
in Paris versammelten zivilisierten Welt die unwirtlichsten Gipfel des
Eiffelturm<index xml:id="i12" indexName="places"><term>Tour Eiffel</term></index>s erklimmen würde!"</p>
<p n="6">Tartarin war noch nie in Paris gewesen. Er dachte sich die Millionenstadt
als eine Fundgrube der seltsamsten Abenteuer auf Schritt und Tritt. Wer konnte
wissen - Verwechselung mit einem ausländischen
Kronprätendenten - eine Dame in Trauer sucht Schutz bei ihm
- vielleicht gar, wenn das Wetter gut, eine kleine Revolution - - alles das
war für Tartarin-Quixote sehr verlockend;
indessen Tartarin-Sancho ermangelte nicht, die Vorzüge seines bequemen
Landsitzes und frischen Gemüsegartens gegenüber den pariser Hotelzuständen und
Table d'hôte-Rechnungen ins rechte Licht zu stellen.</p>
<p n="7">Doch der "Kleider-Kommandant" Bravida, der Waffenhändler Kostecalde, der
Apotheker, der Präsident und das ganze noble Korps der "Mützenjäger" setzten dem
armen Sancho derartig zu, dass er schließlich dem Quixote das Feld räumte.
Tartarin entschloss sich zur Besteigung des Eiffelturms<index xml:id="i13" indexName="places"><term>Tour Eiffel</term></index>. Aber sein Dromedar?</p>
<p n="8">Sie erinnern sich, dass es ihm von Marseille bis Tarascon neben dem
Schnellzug her gefolgt war, dass es, obgleich er sich bisher über diese
aufdringliche Zutunlichkeit des lächerlichen Geschöpfes nicht wenig geärgert
hatte, bei seiner Ankunft in der Heimat zu Gnaden aufnahm, weil seine Mitbürger
es als ein authentisches Beweisstück seiner Großtaten feierten. Doch was
sollte er mit dem Kamel auf dem Eiffelturm<index xml:id="i14" indexName="places"><term>Tour Eiffel</term></index> anfangen? Es war nur an die
Strapazen der Wüstenfahrten gewöhnt. Würde es den Anforderungen einer derartigen
Höhenüberwindung gewachsen sein? Hatte die Naturgeschichte es überhaupt zum
Klettern autorisiert?</p>
<p n="9">Die Generalversammlung der Mützenjäger, über diesen wichtigen Punkt zur
Ballotage<index xml:id="i15" indexName="subjects"><term>Ballotage</term></index> berufen, antwortete einmütig mit "Nein".
Tartarin hatte einen schweren Kampf zu überwinden, wenn er sich in Gemäßheit
dieses Votums von seinem treuen Dromedar trennen wollte. Allmählich war ihm
dieser lebendige Beleg seiner glorreichen Abenteuer ans Herz gewachsen. Und er
verdoppelte noch seine Zärtlichkeit gegen den Höckerträger, weil er eine große
Schuld gegen die Tierwelt im Allgemeinen abzutragen hatte. Nicht als ob er Reue
empfunden hätte über die Vertilgung der algerischen Löwen. Nein, es war der
graue Schatten Noirauds, des kleinen Maulesels der ausgewanderten elsässischen
Schenkwirtin, welchen er nah bei der Stadt Algier aus Versehen erschossen hatte
- dessen Schatten erschien in mondhellen Nächten vor seinem Lager, wippte
gespenstiglich mit den langen, schlafmützenartigen Ohren und brach, wie eine
Ahnfrau, in ein langgezogenes, dumpf ersterbendes Iah aus! Tartarin hatte in
Tarascon einen Tierschutzverein gegründet, um seine Schuld in etwas wieder gut
zu machen. Der gewaltige Nimrod, der unbezähmbare Feind der <s>großen</s>
Katzengeschlechter, er mit all seinen Pulverhörnern, Flinten, Dolchen,
Waidmessern, er wachte darüber, dass nur ja keine wimmernde Neugeburt der
<s>kleinen</s> Katzensorte ins Wasser geworfen wurde.</p>
<p n="10">Nein! Er konnte sich von seinem Kamel nicht recht trennen! Er hatte ihm den
Namen Baïa gegeben, zur Erinnerung an seine schmerzlich-süße algerische
Villegiatur<note>Villegiatur: <q>Ausflug</q>, <q>Landpartie</q>.</note><index xml:id="i16" indexName="subjects"><term>Villegiatur</term></index> mit der kleinen, rotpantoffligen Maurin, die
ihn später so bitter betrog.</p>
<p n="11">Daudet<index xml:id="i17" indexName="subjects"><term>Daudet, Alphonse</term></index> hat in "Tartarin sur les Alpes"
behauptet - ich weiß wohl -, das Kamel sei "mit Jahren und Ehren überhäuft"
gestorben, seine Gebeine würden im tarasconesischen Museum aufbewahrt. Aber da
hat Tartarins sonst so gut unterrichteter Biograf sich halt geirrt. Die
fraglichen Gebeine sind die Knochen einer alten Kuh, die Tartarin für die
Überreste seiner Baïa <s>ausgeben</s> ließ, um sich die vielen Fremden vom
Halse zu halten, die alle das historische Kamel sehen wollten. Tatsächlich war
Baïa frisch und gesund - das sah man an der Geschwindigkeit, mit der das Tier
neben dem Schnellzug herlief, welcher Tartarin nach Paris brachte.</p>
<lb/>
<p n="12">*</p>
<lb/>
<p n="13">Tartarin zog am frühen Morgen mit seiner Baïa über den Boulevard des
Italiens dem Eintrachtsplatze zu. Seinen Reisegefährten Pascalon, den
Apothekergehülfen, schickte er in die Stadt, um für Quartier zu sorgen. Er
verabredete mit ihm ein Rendezvous für zehn Uhr am Fuß
des Eifelturms.</p>
<p n="14">In dem Betriebe der Tramways trat eine ärgerliche Stauung ein, weil die
sämtlichen Pferde sich wiehernd nach dem seltenen Reittier umsahen und nicht vom
Fleck wollten. Ein Reittier war es augenblicklich nun zwar nicht. Denn sein Herr
führte es aus Furcht vor Seekrankheit, die ihm das Reiten auf seinem Höcker
verursachte, wohlweislich am Half^^terband, wie auch vordem der Mann im Syrerland
gethan haben soll. Nur dass Letzterer mutmaßlich kein Alpinistenkostüm trug,
wohingegen Tartarin sich für die Erklimmung des Turms als Bergfex
ausstaffiert hatte.</p>
<p n="15">Auch die Leute auf den Omnibus-Imperiales machten fast längere Hälse wie
das Kamel selbst. Ein Wägelchen mit buntbeschirrten Ponys, auf denen drei
Türken rittlings saßen, ihre weiten Pluderhosen über den Straßenschmutz
schleifend, nahte sich in entgegengesetzter Richtung. Es diente einem
neu erfundenen Insektenpulver "Weltuntergang" zur Reklame, obgleich die krausen
Haarurwälder der drei beturbanten Häupter etwas verdächtig aussahen. Das
Pony-Fuhrwerk machte sofort kehrt und folgte den Spuren des Kamels, um dessen
augenfällige Popularität für den "Weltuntergang" auszubeuten. Gegen Ponys und
Türken sind die Pariser nämlich schon stark abgehärtet.</p>
<p n="16">Ebenso schloss sich dem immer wachsenden Zug ein Bandwurm von rosa
gekleideten Jungfrauen an, die sämtlich vom gleichen goldblonden, aufgelöst bis
zum Saum der Gewänder flutenden Nixenhaar umwallt waren. Deren Prozession machte
Reklame für ein haarerzeugendes Mittel, welches den eingefleischtesten Glatzkopf
innerhalb dreier Wochen in die Unmöglichkeit zu bringen versprach, einen Hut
aufzutreiben, unter dem seine pilzartig aufgeschossene Struwelpeter-Frisur Platz
würde finden können.</p>
<p n="17">Mit gestrafften Waden schritt Tartarin vorwärts, ohne umzuschauen, im
stählenden Vollbewusstsein des großen Werks, das er in Angriff nehmen wollte.
Es war ein köstlicher Junimorgen. Der glänzende Frühwind
rischelte neckisch von den wohligen Bäumen der elysäischen
Felder herüber. Dieser allumfassende helle Luftstrom blies leise über die Quais
in der Richtung nach der Ausstellung; fast unmerklich und doch unwiderstehlich,
wie der Rosenfinger einer schönen Frau, schien er alles dem fabelhaft
aufgekuppelten Eldorado entgegen zu treiben. Selbst die Wimpelfähnchen der
kleinen Seine-Hirondelles, der mit Goldschmuck überladenen Schiffchen des
Louvre-Magazins, welches seine Kunden unentgeltlich zur Ausstellung beförderte,
der vor Anker liegenden Segelboote mit eleganter, ein wenig japanesisch-barocker
Takelage, auf welchen englische Sportsleute über den Kanal und die Seine herauf
ganz zu Wasser bis zur Jena-Brücke gekommen waren, ja selbst die zum Trocknen
ausgehängten Tücher der Waschanstalten, die Flaggen der schwimmenden Museen, in
denen Mastodon-Gerippe und
antideluvianische Rieseneichen zu sehen waren - alle
diese vielfarbigen Fetzen wiesen mit dem Dampf der Schiffsschlote und den
weißen Wolken, die des gleichen Weges steuerten, auf dasselbe Ziel hin: auf die
Ausstellung. Deren weiße, wie aus Zucker gebackene Nippes-Fassaden längs der
Seine mit den üppig bunten, mächtigen Emailkuppeln dahinter boten im leicht
umschleiernden Morgennebel dem erstaunten Auge ein zunächst ganz unübersehbares
Wunderbild aus Golconda. Und dort, wo die große,
mit einem überreich bewimpelten, rot und weiß gestreiften Zeltdach bedeckte
Jena-Brücke vom Fuß des Trocadero-Hügels her ans Marsfeld-Ufer auslief,
empfangen von einem Joch eng aneinander gereihter Minaretts als Prunkbogen, dort
stach ein einzelnes Riesenminarett unglaublich kühn hervor - - der Eiffelturm<index xml:id="i18" indexName="places"><term>Tour Eiffel</term></index>
in höchst eigner Person, das stolze Ausrufungszeichen, mit dem die französische
Nation ihren Fähigkeitsausweis abschloss.</p>
<p n="18">Tartarin lehnte überwältigt an der Flanke seines Kamels. Wie ein langer,
bronzefarbiger Florstreifen hing der Eisenturm in der lichtblauen Morgenluft,
aus dem schwersten Metall erbaut und doch luftig und durchsichtig, wie ein
Spinngeweb. Die weißen Schäfchen des Himmels schienen von seiner Spitze gar
nicht weit entfernt zu sein. Verglichen mit dem Giganten versanken fast vor
Scham die beiden rotstreifigen Alhambra-Türme des Trocadero, die am
gegenüberliegenden, jäh aufsteigenden Ufer das breitgeschwungene Halbrund des
hügelbeherrschenden <s>alten</s> Ausstellungspalastes flankierten. Sie waren ja
kaum halb so hoch wie die erste Etage des Konkurrenten, wie das Knie des Riesen,
das ein viereckiger Rahmen von senfgelben Schuppen als Strumpfband umgab.</p>
<p n="19">Tartarin war lange nicht so überwältigt gewesen, als er angesichts der
Jungfrau sich vor seinem kleinen Handspiegel rasierte. Hier hätte ihm die
gleiche Operation unfehlbar einen Schnitt in die Nase eingebracht. Dieser Turm
sah viel verblüffender und halsbrecherischer aus, als die Jungfrau, die Tartarin
in ihrer Hermelin-Boa aus soundso viel Lichtdruckbildern kannte. Die Jungfrau,
ach ja, die hatte eine so vertrauenerweckende Basis, fast wie eine
Millionärstochter! Der jähe Turm aber besaß ganz und gar nichts Solides! Und
da hinaufzuklettern - !! Brr!</p>
<p n="20">Ebenso gut könnte man einem Maikäfer zumuten, am Stiel eines Besens
hinaufzukrabbeln, der auf den Borsten steht!</p>
<p n="21">Der Jungfrau-Ersteiger fühlte sich der neuen Aufgabe gegenüber von einem
gelinden Schauer überrieselt. Lange starrte er gedankenlos nach dem spitzigen
Monstrum hin, das ein Riesenmarterpfahl für ihn zu werden versprach. Um aber
beim vorüberpromenierenden Publikum und dem kopfschüttelnden Kamel seinen Ruf
nicht in Gefahr zu bringen, zwang er sich zur Selbstbeherrschung und setzte
entschlossenen Schrittes den Marsch fort.</p>
<p n="22">Schon am vorigen Abend auf dem grossen Boulevard waren Tartarin große, an
den Zeitungskiosken angebrachte Schilder aufgefallen, welche die Aufschrift
trugen: <emph>Prenez vos tikets!</emph> Diese drei Worte waren die Parole des Quais,
sie schollen immer dominierender, zudringlicher, greller. Jungen mit zerfaserten
Indianerhosen setzten ihre nackten Füße auf die Trittbretter der Fiaker oder
packten den Barren an der Hinterseite des Wagens und streckten ihre struppigen
Köpfe über das zurückgeklappte Regendach zwischen die erschrockenen Insassen des
Gefährts. Es sah aus, wie Schlitten, die in der Puszta von einem Rudel
Wölfe überfallen werden. <emph>"Prenez vos tikets"!</emph> Auch ärmlich gekleidete
Mädchen und Frauen, umgürtet mit defekten Ledertaschen, beteiligten sich an
diesem Rothautangriff gegen die Postwagen der Prärie. Der Weg der armen
Fußgänger war nun gar ein wirklicher Spießrutenlauf. Kein Knopf blieb haften
an ihren Paletots!</p>
<p n="23">Und das Erscheinen des alpinistischen Kamelführers brachte den Hexenkessel
vollends zum Sieden. Unternehmende Burschen mit platten Schirmmützen und
wohlgekräuselten Stirnlöckchen hängten sich in die Steigbügel des Kamels (es
hatte solche des guten Tons wegen, auch war es mit einer roten Satteldecke
geschmückt) und hielten dem Tier ganze Fäuste voll <emph>Tikets</emph> wie Heubüschel
vors Maul. Es trug bald eine wallende Löwenmähne von halbwüchsigen
Gamins, die um es herum mit Armen und Beinen fuchtelten.</p>
<p n="24">"Es muss mindestens 50 Tikets haben!"</p>
<p n="25">"Warum, Totó?"</p>
<p n="26">"Weil's fünfzigmal so dumm ist wie ein gewöhnlicher <emph>étranger</emph>!"</p>
<p n="27">"Juchhe! Also an Feuerwerksabenden 250 Tikets!"</p>
<p n="28">"Da werden die Preise an der Tikets-Börse aber mal steigen! Ich gehe zur Hausse über!"</p>
<p n="29">Der große Tartarin ließ sich durch solch hämisches Gelächter und Gespöttel
der sämtlichen <emph>voyous</emph> (was auf gut köllsch: "Rabau" heißt!)
nicht im Mindesten beirren. Alle Bahnbrecher sind ihren verblendeten
Zeitgenossen ja lächerlich erschienen. Wie hatte man ihn und Hannibal seiner
Zeit ausgelacht, als sie erklärten, der Alpen jungfräuliche Gipfel ersteigen zu wollen!</p>
<p n="30">Manche Rabauen saßen übrigens auch ganz inoffensiv auf der breiten Platte
der Quai­brüstung. Sie grübelten tiefsinnig über irgend eine ingeniöse Manier
nach, den Fremden ein paar Sous abzuluchsen, ohne es sich Schweiß kosten zu
lassen. Oder sie schauten den Rauchwolken ihrer Zigaretten nach, kritisierten
die Passanten mit unverschämt lauter Stimme, wandten sich halb zurück und
spuckten den Leuten auf den Kopf, die das Unglück hatten, unten auf dem Uferkies vorbeizukommen.</p>
<p n="31">Die Tiket-Wölfe waren aber bloß die Plänkler
des großen Heerkörpers der Hausierer. Da wurden
Miniatur-Eiffeltürme in allen möglichen Materien und Anwendungen feilgeboten,
ferner grellbunte Öldruckbilder eines Abendfestes in der Ausstellung,
Fernrohre, Stadtpläne, Portraits Carnots oder (seltener!) Boulangers,
japanesische Fächer, junge Angorakatzen, elfenbeinerne Tintenfasser. Dazu
Schwärme von Biscuit- und Obstverkäufern, "Kokó"schenken mit ihren bauchigen
Tonkrügen; safrangelbes Bier wurde aus kleinen, tannenumkränzten Fässern zu 1
Sou das Glas verzapft, verschimmelte Würste bildeten eine würdige Begleitmelodie zu diesem edlen Nass.</p>
<p n="32">Auch ausrangierte Tischdecken, Kleidungsstücke, Schuhe, Kämme etc. lagen auf
der bloßen Erde aufgestapelt, der Genügsamkeit biederer Provinzialen gewärtig.
Kleine, rote Luftballonbündel schwankten hier und da zwischen den niedrigsten
Ästen der Quaibäume, automatische "Puß-Puß"-Wägelchen spazierten trotz
des tollen Gedränges quer übers Trottoir, Trompeten und Spektakelinstrumente
erfüllten ihren dröhnenden, knarrenden, rasselnden Lebensberuf. Aber trotz
ihres gellenden Wirkens dominierte das Geheul: <emph>"Prenez vos tikets!"</emph></p>
<p n="33">Gegenüber dem Trocadero kaufte Tartarin wirklich ein Dutzend Tikets, um den
weitgehendsten Ansprüchen der Verwaltung behufs Einlass des Kamels gewachsen zu
sein. Der Billeteur am Schalter ließ das Tier aber ganz gratis passieren, weil
er glaubte, es gehöre zur "Straße Kairos" und habe dementsprechend eine Angestellten-Karte.</p>
<p n="34">Man hatte große Mühe, Baïa durch den engen Eingang zu zwängen. Über die
horizontalen Kontrolle-Räder dagegen stieg es mit seinen Engländerbeinen ebenso
leicht wie graziös hinweg. Der Beamte am zweiten Schalter, welcher die Mission
hatte, die Tikets abzustempeln, hielt erstaunt in seinem Klapperhandwerk inne,
zum erstenmal pausierend seit mehreren Monaten. Doch das Kamel war schon so
rüstig vorwärts geschritten, dass es ihm unmöglich gewesen wäre, dessen Schwanz
behufs Abstempelung zu erhaschen. Er dachte aber auch gar nicht daran. Er war so
freudig verblüfft, weil seine unermüdlich stempelnde Hand einmal eine Sekunde
ausruhte, dass er Baïa einen tief innerlich dankbaren Seufzer nachschickte. Doch
alsobald musste er seine Faust von Neuem niederstampfen lassen, denn Tartarin
wies ihm sein Tiket vor.</p>
<p n="35">Unser Held holte sein Kamel ein und ging mit ihm auf die Jena-Brücke. Er
freute sich der blauduftigen Aussicht auf die Seineberge bei Auteuil<index xml:id="i19" indexName="places"><term>Auteuil</term></index> und
St. Cloud,<index xml:id="i20" indexName="places"><term>St-Cloud</term></index> wo aus gleichmäßig matt gefärbten Hügelsilhouetten hier und da ein
sonnbeglänztes Villendach wie ein Edelstein aufblitzte. Vom hohen, beschatteten
Ufer der Marsfeld-Seite<index xml:id="i21" indexName="places"><term>Champs de Mars</term></index> glitten im Vordergrund quecksilbrig glänzende
Wasserstrahlen, gekrümmt wie Flussquellen aus Felsen, in die tiefliegende Seine
hinab. Sie rührten vom Betrieb der hydraulischen Apparate her, deren gezackte
oder gezahnte, blau- und rotstreifig angestrichene Lufträdchen sich vergnügt drehten, wie Windmühlenflügel.</p>
<p n="36">Am anderen Ufer angelangt, musste Tartarin einen Verkehrssteg überschreiten,
Passe­relle genannt. Dieser Steg diente dazu, den Quai d'Orsay<index xml:id="i22" indexName="places"><term>Quai d'Orsay</term></index> zu überbrücken,
dessen Wagentrubel sich tief unten dahinwälzte wie in einem Hohlweg. Dem
Kamel wurde das Erklimmen der Stufen, die zu diesem Viadukt führten, ziemlich
sauer. Nachdem es sich stolpernd hinaufgearbeitet hatte, hörte es die Eisenbahn
Decauville heransausen, die das Marsfeld<index xml:id="i23" indexName="places"><term>Champs de Mars</term></index> mit der Esplanade der Invaliden<index xml:id="i24" indexName="places"><term>Esplanade des Invalides</term></index>
verband. An den nackten Mauern, zwischen denen diese Miniatur-Eisenbahn
durchfuhr, war in der ganzen Länge der Strecke auf grünen, roten, blauen, gelben
Papierplakaten das Wörtchen "Vorsicht" in allen Sprachen und Alphabeten der fünf
Kontinente groß hingedruckt. (Die Übersetzung von "Porzellanschrank" wäre in
vielen Idiomen z. B. im Ober-Hottentottischen, schwierig gewesen. Darum stand
nur das erste Wort des bekannten Axioms auf den Plakaten.)</p>
<p n="37">Jetzt kam die Zwerglokomotive mit Rauch und Rasseln und Dampfpfiff heran.
Schon wollte Baïa scheu werden - aber da las sie noch rechtzeitig an der Mauer
das Wort "Vorsicht" in arabischer Sprache - und das Wüstenross wurde durch die
heimatlichen Lettern so freudig angemutet, dass es ruhig seines Weges weiter- und
die niederführenden Stufen hinabschritt. Und so standen sie denn auf dem Marsfeld.</p>
</div>
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</text>
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